Nechisar Nationalpark - Ebenen aus "weißem Gras"

Der im Jahr 1974 gegründete Nechisar Nationalpark liegt im Südwesten Äthiopiens und wurde zum Schutz der faszinierenden Landschaft und der artenreichen Tierwelt eingerichtet.

Nechisar
Eingang zum Nechisar Nationalpark

Der Nechisar Nationalpark im Südwesten Äthiopiens liegt mitten im Siedlungsgebiet verschiedener Volksgruppen. Er erstreckt sich über eine Fläche von rund 510 Quadratkilometern und schließt die Landbrücke zwischen dem Abanja- und dem Chamosee ein. Der Name des Nationalparks weist auf eine besondere Vegetationsform hin, die für die Landschaft des Naturreservates charakteristisch ist. Wörtlich übersetzt bedeutet Nechisar so viel wie "weißes Gras". Die Farbe der auf dem kalkhaltigen Lehmboden der Savanne wachsenden Gräser ist tatsächlich überwiegend Weiß. Der Park liegt auf einer Höhe zwischen 1.100 und 1.650 Metern über dem Meeresspiegel. Auf der Landbrücke zwischen Abanja- und Chamosee wächst ein urwaldähnlicher immergrüner Galeriewald, während weite Landstriche im Osten des Nationalparks einer trockenen Savanne entsprechen. Die weiten, mit weißen Gräsern bewachsenen Ebenen bilden einen faszinierenden Kontrast zu den schwarzen Basaltfelsen der Amaro Berge.

Rund 15 Prozent des Nechisar Nationalparks bestehen aus Seen, von denen der Abanja See im Norden und der Chamosee im Süden die größten Gewässer sind. Der Park wird vom Fluss Kulfo durchflossen, der in seinem Mündungsgebiet am Chamosee eine sumpfige Uferlandschaft ausbildet. Die Tierwelt unterteilt sich in die klassischen Bewohner der afrikanischen Savanne und die Vertreter der Feuchtgebiete. Kuhantilopen, Steppenzebras, verschiedene Gazellenarten und afrikanische Zwergantilopen besiedeln die weiten grasbewachsenen Ebenen. Flusspferde, Wasserböcke und Krokodile leben an den Seen des Nechisar Nationalparks. Eine Zone am nordwestlichen Ufer des Chamosees ist als sogenannter Krokodilmarkt bekannt. An diesem Ort verlassen zu bestimmten Tageszeiten Hunderte von Krokodilen das Wasser, um sich am Ufer zu sonnen. In den Seen ist eine riesige Fischpopulation beheimatet, die die Grundlage für die ansässige Fischindustrie bilden. Insbesondere Nilbarsche werden in großem Umfang aus den Seen gefischt. Die einheimischen Fischer fertigen die Netzfischerboote selbst aus dem leichten Holz der in den Uferregionen wachsenden Bäume.

Die kontrastreiche Landschaft des Nechisar Nationalparks erhält durch die unterschiedliche Färbung der beiden großen Seen zusätzlichen Reiz. Das Wasser des etwa 1.000 Quadratkilometer großen Abanja Sees ist rostbraun gefärbt. Grund dafür ist der hohe Anteil von Eisenoxid im Wasser. Ganz anders präsentiert sich der Chamosee. Sein Wasser besitzt eine leuchtend blaue Färbung, die einen reizvollen Kontrast zu den hellsandigen Stränden an seinen Ufern bildet. Die Gewässer sind die Heimat für eine artenreiche Vogelwelt. Zahlreich Zugvögel aus Europa überwintern an den äthiopischen Binnengewässern. Neben Störchen, Kranichen und Eisvögeln können Sie Pelikane, Flamingos und Fischadler an den Seen beobachten. Die einzigen Raubtiere im Nechisar Nationalpark sind Schakale. Einst lebten auch afrikanische Wildhunde in den Weiten der Savanne. Diese wurden jedoch von der Bevölkerung stark bejagt und kommen heute nicht mehr im Park vor.

Die Geschichte des Nationalparks ist eng mit dem Schicksal der Guji-Volksgruppe verbunden. Die Stämme dieser ethnischen Gruppe siedelten seit Jahrhunderten auf dem heutigen Nationalpark-Gelände. Im Jahr 1982 wurden sie gewaltsam aus dem Park vertrieben, da ihre Viehherden nach behördlicher Meinung eine Bedrohung für die Tierwelt des Parks darstellte. Aus diesem Grund entwickelten die Angehörigen der Volksgruppe eine starke Aversion gegen den Nechisar Nationalpark. Im Jahr 1991 kehrten die Stämme nach dem Sturz der Derg-Regierung wieder in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurück. Seit Mitte der neunziger Jahre laufen Bemühungen, die Guji erneut umzusiedeln, um den Park touristisch besser nutzen zu können. Die Natur im Nationalpark wird bis in die Gegenwart durch illegale Operationen geschädigt. Neben der nicht genehmigten Abholzung der Wälder und der illegalen Fischerei auf den Seen stellt die zunehmende Besiedlung ein großes Problem für das ökologische Gleichgewicht dar. Riesige Rinderherden weiden innerhalb der Nationalpark-Grenzen. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für die Einwohner der äthiopischen Stadt Arba Minch am Rande des Nechisar Nationalparks.

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