Hassan-Turm - ein unvollendetes Minarett

Der Hassan-Turm ist das Wahrzeichen der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Bei dem Bauwerk handelt es sich um das unvollendete Minarett einer Moschee aus dem 12. Jahrhundert.

Hassan Turm
Hassan Turm - unvollendetes Minarett

Im Jahr 1195 wurde in Rabat mit dem Bau der Großen Moschee und dem dazugehörigen Minarett begonnen. Die Moschee sollte zur damaligen Zeit das weltweit größte islamistische Gotteshaus werden. Auftraggeber war der Almohaden-Sultan Yaqub al-Mansur. Er war das Oberhaupt einer Berber-Dynastie, die zwischen der Mitte des 12. Jahrhunderts und dem Ende des 13. Jahrhunderts große Teile Nordafrikas und der Iberischen Halbinsel beherrschte. Unter der Almohaden-Dynastie wurde unter anderem die Koutoubia-Moschee in Marrakesch errichtet. Als der Sultan im Jahr 1199 verstarb, wurden die Bauarbeiten an der Großen Moschee von Rabat eingestellt und nicht wieder aufgenommen. Der Turm und die Mauern des Gotteshauses blieben als Bauruine zurück, weil die Nachfolger des Almohaden-Herrschers den Regierungssitz anschließend nach Marrakesch verlegten. Rabat versank in der Bedeutungslosigkeit und erlangte erst unter französischer Kolonialherrschaft und nach der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1956 wieder überregionale Bedeutung.

Mit dem Bau der Moschee sollte das größte muslimische Gotteshaus im Herrschaftsbereich der Almohaden-Dynastie entstehen. Mit den Grundmaßen von 180 × 139 Metern übertraf die Moschee sogar die Mezquita–Catedral von Córdoba, die bis dahin das größte religiöse Bauwerk war. Die Moschee war als Säulenmoschee konzipiert, wie die Überreste frei stehender Säulen neben dem Hassan-Turm belegen. Mehr als 300 Säulen sollten das Grundgerüst des Bauwerkes bilden. Geplant waren darüber hinaus drei offene Innenhöfe, um die Beleuchtung und Belüftung der Räumlichkeiten zu gewährleisten. Der überdachte Gebetssaal sollte einmal bis zu 50.000 Gläubigen Platz bieten. Der unvollendete Bau überdauerte einige Jahrhunderte, bis im Jahr 1755 ein Erdbeben große Teile der Moschee zerstörte. Übrig blieben vom einstigen Gotteshaus lediglich Teile der Außenmauern, die Stümpfe einiger Säulen und der als Minarett konzipierte Turm.

Das Minarett erhebt sich gegenüber der geplanten Gebetsnische der Moschee. Damit bildet der Turm eine Ausnahme unter den Minaretten in Marokko, die normalerweise an einer Ecke des Gotteshauses platziert wurden. Das Minarett sollte ursprünglich eine Höhe von mehr als 80 Meter erreichen. Forscher zogen Rückschlüsse auf dieses Maß aus der quadratischen Grundfläche des Turms, die eine Kantenlänge von 16 Metern besitzt. Heute beträgt die Höhe des Hassan-Turmes 44 Meter. Der gesamte untere Bereich des Turmschaftes ist undekoriert. Auf mittlerer Höhe befinden sich einige Blendbögen. Im darüberliegenden Bereich sollten sich Rautenmuster anschließen, aus denen sich überschneidende Bögen entspringen. Als Baumaterial für das Minarett wurde roter Sandstein verwendet. Im Inneren windet sich eine spiralförmige Rampe in die Höhe, die während der Bauphase zum Transport der Baumaterialien genutzt wurde. Später hätte sie es dem Muezzin ermöglicht, mit einem Pferd auf die Spitze des Turmes zu gelangen, um von dort die Gläubigen zum Gebet zu rufen.

Der Eingang des begehbaren Komplexes der Moschee wird von zwei uniformierten Reitern flankiert. Auf dem Areal befindet sich neben den Überresten der Großen Moschee und des Hassan-Turmes das Mausoleum für König Mohammed V. Er regierte von 1956-1961 das nordafrikanische Land und war der erste König nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft. Der Sarkophag des Königs befindet sich in einer reich verzierten Halle im Zentrum des Grabmals. Sein Nachfolger Hassan II. starb im Jahr 1999 und wurde ebenfalls in dem Mausoleum bestattet. Der Name des Hassan-Turmes hat jedoch nichts mit den marokkanischen Staatsoberhäuptern zu tun. Den Namen erhielt das unvollendete Bauwerk nach dem Stadtviertel Hassane, das sich früher an dieser Stelle in der marokkanischen Hauptstadt befand. Die Mauern der Großen Moschee wurden größtenteils aus Stampflehm hergestellt. In den Dimensionen hätte das muslimische Gotteshaus alle anderen Moscheen dieser Ära übertroffen. Die Moschee sollte im 12. Jahrhundert ein deutliches Zeichen für den Großmachtanspruch der herrschenden Almohaden-Dynastie setzen.

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