Angkor Thom - von hohen Stadtmauern umgeben

Angkor Thom war bis zum 16. Jahrhundert die Hauptstadt des Angkor-Reiches der Khmer. Sie liegt rund 1,5 Kilometer nördlich der Tempelanlage von Angkor Wat.

Angkor Thom
Angkor Thom - von hohen Stadtmauern umgeben

Rund sieben Kilometer von der kambodschanischen Stadt Siem Reap entfernt liegen die Tempelanlagen und Wohngebäude von Angkor Thom, die zum Ende des 12. Jahrhunderts als neue Hauptstadt des Angkor-Reiches errichtet wurde. Die Stadt besitzt einen quadratischen Grundriss mit einer Kantenlänge von drei Kilometern und ist von einem 100 Meter breiten Wassergraben umgeben. Im Zentrum erhebt sich der Tempel Bayon. Angkor Thom ist von einer bis zu acht Meter hohen Stadtmauer umgeben. Hinter den Mauern teilt ein symmetrisch angelegtes Straßenkreuz die Stadt in vier Viertel. Die Straßen nehmen an den vier Stadttoren ihren Anfang und treffen im Zentrum am Tempel Bayon aufeinander. Einst erhoben sich entlang der Straßen die Holzhäuser der Einwohner und des Militärs sowie die Verwaltungsgebäude. Von den einstigen Holzbauten ist heute nichts mehr übrig. Die Zeit überdauert haben hingegen sämtliche Bauten aus Stein wie mächtige Tempelanlagen, die Grundmauern des Königspalastes und mehrere Terrassen.

Die Entstehungsgeschichte von Angkor Thom begann zum Ende des 12. Jahrhunderts. Damals war Jayenfranagari die Hauptstadt des Angkor-Reiches der Khmer. Sie wurde im Jahr 1177 von der rivalisierenden Volksgruppe der Cham erobert. Vier Jahre später konnten die Eindringlinge vom späteren König Jayavarman VII. zurückgedrängt werden. Er ließ die neue Hauptstadt Angkor Thom anlegen und zahlreiche Tempel und Klöster sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadtmauern errichten. Jayavarman VII. war im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die den Gott Vishnu verehrten, Mahayana-Buddhist. Im Zentrum der neuen Hauptstadt ließ er die buddhistische Tempelanlage Bayon erbauen, die noch heute den Mittelpunkt von Angkor Thom bildet. Nach dem Tod des Königs folgte Indravarman II. als sein Nachfolger, der von 1220-1243 das Angkor-Reich regierte. Er ließ zahlreiche weitere Bauwerke errichten. Im 16. Jahrhundert erfolgte nach kriegerischen Auseinandersetzungen mit Siam und zunehmender Unfruchtbarkeit der Böden der Niedergang des Reiches der Khmer und Angkor Thom wurde verlassen. Die gesamte Stadt gehört gemeinsam mit dem Tempel Angkor Wat seit 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die Stadtmauer von Angkor Thom wurde von den Erbauern exakt nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. An jeder Seite gewährt ein Stadttor den Zugang zur Stadt. An der Ostseite befinden sich sogar zwei Tore. Dieses zweite Tor liegt rund einen halben Kilometer vom Osttor entfernt und wird als Tor des Sieges bezeichnet. Die Straße, die hier beginnt, wird als Siegesallee bezeichnet und endet am Königspalast, während die anderen Straßen direkt auf das Zentrum zulaufen. Die Stadttore besitzen eine Höhe von mehr als 20 Meter und sind mit vier aus dem Stein gehauenen Köpfen geschmückt, die jeweils in eine der vier Himmelsrichtungen blicken. Im Zentrum erhebt sich der Bayon-Tempel, der zu den bekanntesten Tempelanlagen in Kambodscha gehört.

Ein charakteristisches Merkmal des Tempels sind die meterhohen Gesichtstürme. Die lächelnden Gesichter wurden direkt aus dem Stein gemeißelt. Die meisten Türme zieren vier Gesichter, die in die vier Haupthimmelsrichtungen blicken. Insgesamt sind mehr als 200 Gesichter an 37 Türmen erhalten. Sie zeigen die buddhistische Gottheit Lokeshvara. Die runde Tempelanlage war Buddha geweiht, denn der Erbauer Jayavarman VII. war Anhänger des Mahayana-Buddhismus. Seine Nachfolger führten etliche Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen durch, sodass der Tempel deutlich komplexer als vergleichbare Bauten ist. Bayon ist von offenen Säulengängen umgeben und mit unzähligen Reliefs verziert. Sie zeigen Szenen aus dem Alltag der Stadtbevölkerung, aus dem Krieg gegen die Cham und aus der hinduistischen Mythologie. Da schriftliche Aufzeichnungen aus dem Angkor-Reich fehlen, sind die Reliefs für die Archäologie von großer Bedeutung, liefern die Darstellungen doch einen plastischen Eindruck vom Leben der Khmer im 13. Jahrhundert. Unter anderem werden Marktszenen und zeremonielle Rituale auf den Reliefs abgebildet.

Der Königspalast erhob sich einst im Nordwesten von Angkor Thom. Er wurde wie die Wohn- und Verwaltungsgebäude aus Holz erbaut und heute sind lediglich die Grundmauern und die Eingangstore zur Palastanlage erhalten. Innerhalb des Komplexes befindet sich der Tempel Phimeanakas, der eine charakteristische Pyramidenform besitzt. Die Pyramide besitzt eine Grundfläche von 36 × 28 Meter und ist 12 Meter hoch. Der Sockel besteht aus Laterit-Ziegeln und die Aufbauten wurden aus Sandstein übereinandergeschichtet. Historischen Überlieferungen eines chinesischen Gesandten zufolge bestand die Phimeanakas-Pyramide im späten 13. Jahrhundert aus Gold. Wissenschaftler vermuten, dass zumindest die Pyramidenspitze einst einen Goldüberzug besessen haben könnte. Der Komplex des Königspalastes wurde unter der Regentschaft von König Jayavarman VII. im 12. Jahrhundert errichtet. Seine Nachfolger erweiterten die Anlage später um die Elefantenterrasse und um die Terrasse des Lepra-Königs.

Die Elefantenterrasse ließ der König der Khmer zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichten, als sich seine Amtszeit bereits dem Ende zuneigte. Den Namen erhielt das Bauwerk nach den Skulpturen mehrerer Elefanten, die ein charakteristisches Stilelement des Komplexes sind. Unter anderem werden Szenen einer Elefantenjagd gezeigt und es werden Löwen, Akrobaten und Ballspieler abgebildet. Die Elefantenterrasse besteht aus drei übereinanderliegenden Plattformen, die über Steintreppen zu erreichen sind. Das gesamte Gelände besitzt eine Länge von 350 Metern und ist 14 Meter breit. Berichten chinesischer Reisender aus dem 13. Jahrhundert ist zu entnehmen, dass sich einst mehrere Pavillons auf dem Areal erhoben. Von ihnen ist heute nichts mehr übrig. Die Terrasse liegt am sogenannten Großen Platz, der vor dem Königspalast liegt. Es wird angenommen, dass die königliche Familie und die Würdenträger von der erhöhten Position aus einst sportliche Wettkämpfe verfolgten und Prozessionen und Paraden beiwohnten.

Nördlich von der Elefantenterrasse liegt ebenfalls am Großen Platz die Terrasse des Lepra-Königs. Wann die Terrasse erbaut wurde, ist bis heute ungeklärt. Forscher gehen davon aus, dass sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichtet wurde. Den Namen erhielt die Terrasse nach König Yasovarman I., der zwischen 899 und 910 herrschte und die erste Hauptstadt in Angkor erbauen ließ. Er erkrankte an Lepra und verstarb schließlich an den Folgen der chronischen Infektionskrankheit. Im Volksmund wurde der Khmer-Herrscher als Lepra-König bekannt. Angeblich soll eine Statue auf der Terrasse den einstigen König zeigen. In der Gegenwart hat sich die Meinung etabliert, dass es sich bei der Skulptur um den hinduistischen Todesgott Yama handelt und auf der Terrasse des Lepra-Königs rituelle Verbrennungen von Verstorbenen aus der Königsfamilie stattfanden. Die Terrasse ist mit kunstvollen Reliefs verziert, die wegen ihres hervorragenden Erhaltungszustandes zu den wertvollsten Kunstwerken der Khmer zählen.

Mit dem Tempelberg Baphuon erhebt sich eine weitere Sehenswürdigkeit in Angkor Thom rund 200 Meter nordwestlich des Tempels Bayon. Dabei handelt es sich um eine hinduistische Tempelanlage aus dem 11. Jahrhundert, die einst den Mittelpunkt der alten Khmer-Hauptstadt Yasodharapura bildete. Mit dem Bau von Angkor Thom wurde der Tempelkomplex in die neue Hauptstadt integriert. Zu erreichen ist der Tempel über einen knapp 200 Meter langen Steg vom östlichen Stadttor aus. Im Zentrum erhebt sich auf einer Plattform eine vierstufige Pyramide, die eine Höhe von 20 Metern besitzt. Sie wurde zu Ehren des hinduistischen Gottes Shiva erbaut. Bemerkenswert sind in Baphuon die zahlreichen Reliefs, die Szenen aus der hinduistischen Mythologie darstellen. Der Tempel wurde aus Sandstein errichtet, der über die Jahrhunderte hinweg an einigen Stellen vom Zerfall bedroht war. Nach jahrelangen Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten können Sie den Tempelkomplex heute wieder in seinem ursprünglichen Zustand besichtigen. Zu den letzten in Angkor Thom errichteten Bauwerken gehört das Heiligtum Mangalartha. Es wurde im späten 13. Jahrhundert erbaut und liegt an der zum Tor des Sieges führenden Straße. Das Bauwerk ist heute nur noch als Ruine erhalten und war dem Gelehrten Jayamangalartha gewidmet.

Angkor Thom kann über fünf Stadttore betreten werden, die über Dämme mit dem Umland verbunden sind. Sie überqueren die 100 Meter breiten Wassergräben, von denen die Stadt umgeben ist, und werden von einer Balustrade gesäumt. Die Balustrade besteht aus Steinskulpturen verschiedener Gottheiten, die ein schlangenähnliches Wesen transportieren. Bei den Gottheiten handelt es sich um göttliche Lichtgestalten, auf der linken Seite und Dämonen auf der rechten Seite der Balustrade. Sie wurden wie die Tortürme aus Sandstein gefertigt. Die Türme besitzen eine Gesamthöhe von rund 20 Metern und sind mit sieben Meter hohen Durchgängen ausgestattet. Auffällig sind die vier aus dem Stein gehauenen Gesichter in den Turmaufbauten. Sie blicken lächelnd jeweils in die vier Himmelsrichtungen. Als Wächter steht an den Seiten der Zugänge eine Steinfigur, die den dreiköpfigen Elefanten Airavata zeigt, der in der hinduistischen Mythologie als heilig verehrt wird.

Außerhalb der Stadtmauern von Angkor Thom befinden sich weitere Tempelanlagen, die ab dem 12. Jahrhundert errichtet wurden. Östlich der Stadt erhebt sich der Tempel Ta Phrom, der als Dschungel-Tempel bezeichnet wird. Das alte Gemäuer ist von Baumwurzeln und tropischen Pflanzen überwuchert und nur über schmale Wege zu erreichen. Die mystische Stimmung in diesem Tempelkomplex diente schon oft als Hintergrundkulisse für verschiedene Hollywood-Produktionen. Rund 400 Meter südlich von Angkor Thom liegt der knapp 70 Meter hohe Berg Phnom Bakheng. Er besitzt die Form einer fünfstufigen Pyramide und kann auf dem Rücken eines Elefanten oder zu Fuß erklommen werden. Vom höchsten Punkt des Berges haben Sie eine fantastische Aussicht auf den Tempel Angkor Wat und die alte Khmer-Hauptstadt Angkor Thom. Rund zwei Kilometer östlich von der Stadt befindet sich ein weiterer großer Komplex mit der Bezeichnung Prasat Preah Khan. Die Anlage diente nach neuesten Erkenntnissen nicht allein religiösen Zwecken, sondern beherbergte wohl eine buddhistische Lehreinrichtung.

TOP