Geschichte des Baltikums - ein kurzer Überblick

Die baltische Region wurde vermutlich rund 11.000 v. Chr. erstmals besiedelt. Es wird vermutet, dass um 3100 v. Chr. erste Völker aus dem indogermanischen Kulturkreis in die Gegend einwanderten und sich hier dauerhaft niederließen. In dieser Periode liegen wahrscheinlich auch die Ursprünge der heutigen baltischen Sprachen.

Baltikum Geschichte
Baltikum Geschichte - Strand an der Kurischen Nehrung

Zwischen 200 v. Chr. und 500 n. Chr. schließlich siedelten sich ostgermanische Stämme im Süden des Baltikums an. Sie betrieben bereits damals Bernsteinhandel mit dem Römischen sowie dem Hellenischen Reich. Etwa zur selben Zeit wanderten aus dem Norden Wikinger ein und obwohl es anfänglich zu Konflikten zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kam, entwickelte sich bald ein schwungvoller Handel zwischen Nord und Süd.

Im Hochmittelalter begann die Christianisierung der baltischen Völker durch deutsche Ordensritter. Sie drangen von Riga ausgehend ins gesamte Baltikum vor und konnten bis zum Jahr 1300 weite Teile unter ihre Herrschaft bringen. Davon ausgenommen blieb lediglich das heutige Litauen im Süden. Unter der deutschen Herrschaft wurden die baltischen Städte zu Hansestädten erhoben, was einen regen Handel und großen Reichtum nach sich zog.

Vor allem das 15. Jahrhundert war eine Blütezeit der Region, denn damals dominierten die Mitglieder der deutschen Hanse den Ostseehandel. Die Hafenstädte im Baltikum trieben nicht nur regen Handel mit den Hansestädten in Deutschland sowie mit Schweden und Dänemark, sondern wurden von diesen auch kulturell stark beeinflusst und geprägt und dieser Einfluss macht sich bis heute bemerkbar. Mit der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert endete die Phase des deutschen Einflusses, der vor allem durch den Schwertbrüderorden ausgeübt worden war.

In den Jahren von 1558 bis 1583 herrschte der erste Nordische Krieg, auch als Livländischer Krieg bekannt, in dem sich Schweden, Dänemark, Polen und Russland um die Vorherrschaft im Ostseeraum bekriegten. Estland fiel infolgedessen unter schwedische Herrschaft, während das zum heutigen Lettland gehörende Kurland sowie Livland Polen zugeschlagen wurden. Litauen befand sich bereits seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in einer Union mit Polen.

In den Jahren 1700 bis 1721 folgte der Große Nordische Krieg und das russische Zarenreich konnte sich nun endlich die Oberherrschaft über den gesamten baltischen Raum und somit über die strategisch wichtigen Ostseehäfen in der Region sichern. Obwohl es vor allem in Litauen wiederholt zu Aufständen gegen die Fremdherrschaft kam, konnten diese immer niedergeschlagen werden und das Zarenreich beherrschte die baltischen Länder bis zum Ersten Weltkrieg.

Im Zuge des Friedensvertrags von Brest-Litowsk, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 ausgehandelt wurde, entstanden die drei unabhängigen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Die Phase der Unabhängigkeit währte allerdings nicht lange und bereits 1939 gelangten Estland und Lettland erneut unter sowjetische Oberhoheit. Später im selben Jahr ereilte auch Litauen dasselbe Schicksal – Russland hatte seinen Machtbereich ausgedehnt und im Gegenzug dafür weite Teile Polens dem Deutschen Reich zugestanden.

Die Rote Armee marschierte im Herbst in das Baltikum ein und alle drei Staaten stimmten im Folgejahr gezwungenermaßen einer Eingliederung in die Sowjetunion zu. Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde das Baltikum von Truppen der deutschen Wehrmacht besetzt und zum Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Zahlreiche Freiwillige schlossen sich der deutschen Wehrmacht an, um gegen die unliebsamen Russen zu kämpfen. In den Jahren 1944 und 1945 konnte die Sowjetunion die Herrschaft in den baltischen Gebieten zurückerobern und Estland, Lettland und Litauen wurden nun endgültig zu sowjetischen Provinzen erklärt. Sie sollten bis 1990 Teil der Sowjetunion bleiben. Viele Balten flohen in den Westen. Die verbliebene Bevölkerung wurde unterdrückt und unliebsame Bürger wurden hingerichtet beziehungsweise ins Gefängnis oder in einen Gulag gesteckt. So befanden sich in den 1950er-Jahren rund zehn Prozent der baltischen männlichen Bevölkerung entweder in Lagern des Gulags oder in der Verbannung in der Sowjetunion.

Eine rege Widerstandsbewegung kämpfte noch Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegen die sowjetische Besatzungsmacht und versuchte, diese durch gezielte Unruhen zu destabilisieren. Langfristig blieben die Partisanen jedoch erfolglos; sie wurden schließlich vom KGB unterwandert und ausgeschaltet. Die sowjetische Regierung siedelte zahlreiche Russen in den baltischen Staaten an und verfolgte das Ziel, die einheimische Bevölkerung zu Minderheiten in den eigenen Ländern zu machen. Zwar galten Estnisch, Lettisch und Litauisch während dieser Zeit als Amtssprachen, Russisch war jedoch die vorherrschende Sprache und die Bevölkerung war gezwungen, die Sprache der Besatzungsmacht zu erlernen. Noch heute sind daher viele Balten auch des Russischen mächtig.

Erst im Zuge des Niedergangs des Kommunismus im europäischen Osten erstarkte auch in den baltischen Staaten der Widerstand gegen die Sowjetmacht wieder. Vor allem in Litauen machte sich die Bevölkerung im Rahmen der sogenannten "Singenden Revolution" bereits seit 1988 für die Unabhängigkeit stark. Am 23. August 1989, dem Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, kam es schließlich zu einem historischen Ereignis, das den Weg in die Unabhängigkeit ebnen sollte. Mehr als zwei Millionen Menschen bildeten eine über 600 Kilometer lange Menschenkette, die von Tallinn über Riga bis nach Vilnius reichte und als "Baltischer Weg" in die Geschichte einging. Im Frühjahr des folgenden Jahres erklärten alle drei Staaten ihre Unabhängigkeit. Prokommunistische und prosowjetische Bewegungen versuchten im Januar 1991 die sowjetische Macht im Baltikum wiederherzustellen, der gewaltlose Widerstand des Volkes konnte dies jedoch verhindern. Alle drei Staaten öffneten sich bald dem Westen und traten bereits 2004 der EU bei.

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