Thingvellir - historisch bedeutsam

Thingvellir ist ein historisch und geologisch bedeutungsvoller Ort im Südwesten von Island. Knapp 900 Jahre lang tagte hier die gesetzgebende Versammlung mit der Bezeichnung Alþing.

Thingvellir
Thingvellir

Der alte Parlamentsort Thingvellir liegt an der Besichtigungsroute Golden Circle im Südwesten Islands. Die historisch bedeutsame Stätte liegt am größten Binnensee des Landes. Der See Þingvallavatn bedeckt eine Fläche von rund 83 Quadratkilometern und ist im Schnitt 114 Meter tief. Im Norden erhebt sich der 1.060 Meter hohe Schichtvulkan Skjaldbreiður und auf der gegenüberliegenden Seeseite befindet sich das Thermalgebiet Nesjar am südlichen Ufer. Im 9. Jahrhundert begannen norwegische Wikinger die Insel im Nordatlantik zu besiedeln. Nachdem die Landnahme abgeschlossen war, wurde mit dem Aufbau von Verwaltungsstrukturen begonnen. Die Überlieferung berichtet von einem norwegischen Wikinger namens Grímur Geitskór, der von den ersten Siedlern auf Island beauftragt wurde, einen geeigneten Ort für die Volksversammlung ausfindig zu machen. Die Entscheidung fiel auf das nordwestliche Seeufer des größten Binnensees Islands.

An dieser Stelle fand Grímur Geitskór einen leicht geneigten Hang am Fuß einer Felswand, die als Weideland für Pferde dienen konnte. Ein in der Nähe befindlicher Fluss wurde später umgeleitet, um die Teilnehmer der Versammlung mit Trinkwasser zu versorgen. Im Jahr 930 fand die erste gesetzgebende Versammlung in Thingvellir statt. Neben der Abstimmung und Beschlussfassung über verschiedene Gesetzesvorlagen übernahm die Versammlung auch die Funktion eines Gerichtes. Dabei wurden Streitigkeiten entschieden, die nur durch eine zentrale Schlichtungsstelle beigelegt werden konnten. Bei der Versammlung handelte es sich um eines der ältesten Parlamente der Welt. Vergleichbare Strukturen waren bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem antiken Griechenland und dem Römischen Reich bekannt. Zu Beginn bestand das Parlament aus 36 Mitgliedern. Nach dem Bekenntnis zum Christentum im Jahr 1000 erhöhte sich die Zahl auf 50, nachdem auch die Bischöfe des Landes an den Entscheidungsprozessen beteiligt wurden. Die Gesetze wurden bis zum Jahr 1117 mündlich überliefert. Danach erfolgte die schriftliche Aufzeichnung der Gesetzestexte.

Die Zusammenkunft des Parlaments fand bis zum Jahr 1798 in Thingvellir statt. Danach wurde die Versammlung von den Dänen aufgelöst. Ab 1843 trat die Versammlung in der neuen Hauptstadt Reykjavik zu den Beratungen zusammen. Auf der einstigen als Gesetzesberg bezeichneten Erhebung am Seeufer erinnert heute die isländische Flagge an die große historische Bedeutung dieses Ortes. In Thingvellir wurde am 17. Juni 1944 die Republik Island ausgerufen und 50 Jahre später fanden an diesem Ort die Feierlichkeiten zum Jubiläum statt. Am Rande des ehemaligen Versammlungsortes sind noch die verwitterten Überreste alter Steinmauern zu erkennen, die den Teilnehmern jahrhundertelang als Lagerstätte gedient haben. Zum Schutz gegen die Witterung waren die Mauern früher mit Zeltplanen überspannt. Die Parlamentsversammlungen wurden um die Zeit der Sommersonnenwende abgehalten. Es wird vermutet, dass sich bis zu 5.000 Menschen zu dieser Zeit in der Schlucht aufgehalten haben.

Thingvellir ist ein geologisch äußerst interessantes Gebiet, denn der Ort befindet sich unmittelbar über der Grabenbruchzone, an der die Amerikanische und die Eurasische Platte auseinanderdriften. Dieser geologische Vorgang wird an eindrucksvollen Rissen und Felsspalten in der Erde sichtbar. Im Bereich der Allmännerschlucht und am östlichen Seeufer sind die Verwerfungen der Erdkruste besonders deutlich zu erkennen. Noch heute driften die Kontinentalplatten mit einer Geschwindigkeit von 1-2 Zentimetern pro Jahr auseinander. Der gesamte Prozess wird immer wieder von Erdbeben begleitet. Seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren hat sich der Boden des Tales um rund 40 Meter gesenkt und die Landmassen zu beiden Seiten der Allmännerschlucht haben sich ca. 70 Meter voneinander entfernt. Die letzten sichtbaren Auswirkungen der Plattenverschiebungen datieren auf das Jahr 2010, als ein Teil der Allmännerschlucht einstürzte. Verletzt wurde dabei niemand. Im Jahr 1930 wurde Thingvellir zum Nationalpark erklärt und im Jahr 2004 wurde der gesamte Park wegen seiner historischen Bedeutung in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.

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